Wie die andern, wie wir…
Irgendwie steckt mir heute dieses Lied von den Fantastischen Vier im Kopf.
Dabei beschäftigt mich etwas, das nur slightly mit dem Text von “Ich Bin” zu tun hat. Lediglich eine Textzeile geht in die Richtung:
“Dann bin ich König meiner Welt, die ich allein regier.”
Naja, vielleicht sollte ich erstmal kurz erwähnen, worüber ich gerade nachdenke.
Ich habe mich vor Kurzem mit einer sehr guten Freundin unterhalten, die gerade in einer leichten Krise steckt. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich ihre Gedanken wie ein irres Karussel vorwiegend darum drehen, was mit den Anderen los ist, ob sie für Andere da ist, genug tut, sich ausreichend kümmert etc. Natürlich war mein erster Gedanke: Ablenkung! Was ist einfacher, als die Probleme und Sorgen anderer zu sehen und darüber den eigenen Schlamassel zu vergessen?
Wenn man diese Idee aber etwas intensiver beleuchtet, können Zweifel aufkommen. Nun gut, generell sind bei Schnellschuss-Laien-Psychologen-Analysen Zweifel angebracht. Aber tief vergrabenes psychologisches Grundwissen ist, wenn auch nur rudimentär, ja vorhanden und muss ab und zu mal hervorgekramt werden. Oft kommt es auch ungefragt, aber das ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall erinnere ich mich sehr gut an eine These der klinischen Psychologie, die als ein Merkmal der Depression einen starken Egozentrismus attestiert und die damit verbundene Unfähigkeit, andere Menschen und ihre Bedürfnisse und Probleme richtig wahrzunehmen.
Wie passt das aber nun zusammen? Krise und Kümmern?
Man könnte nun sehr analytisch an diese Fragestellung herangehen und zunächst einmal klarstellen, dass eine Depression ein Krankheitsbild ist, das sich unter Anderem in Symptomen wie Antriebshemmung und Hoffnungslosigkeit manifestiert, eine Krise im Bezug auf das eigene Leben dagegen alltäglich und nicht krankhaft ist und diese beiden Dinge daher überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Ja, das könnte man so machen, aber das überlasse ich den Leuten, die das Psychostudium wirklich bis zu Ende durchgezogen haben und nehme mir hier einfach mal das Recht heraus, ganz frei darüber zu philosophieren.
Vielleicht lässt sich die Natur der Krise und damit der Umgang mit derselben am besten an einer “Messlatte der Schuld” festmachen. Stellen wir uns eine Sättigungskurve vor: am linken, unteren Ende geht es uns gut, dann, je weiter die Kurve ansteigt, desto trauriger werden wir. Möglicherweise ist etwas Schlimmes passiert, man ist mit Lebensumständen unzufrieden, was auch immer. Diese Traurigkeit macht uns sensibler für die Empfindungen anderer Leute. Je mehr wir uns mit Befindlichkeiten, zunächst eben unseren eigenen, beschäftigen, desto mehr rücken auch die Befindlichkeiten der Anderen in unseren Fokus. Die Gründe dafür können manigfaltig sein: Empathie, Ablenkung von der eigenen Misere, Unterstützung durch das Gefühl: “Es geht nicht nur mir so.”
Je mehr sich unser Zustand aber verschlimmert, d.h. je näher wir einem depressiven Zustand kommen, desto mehr konzentrieren wir uns auf uns. Je zentraler wir selbst nun für uns werden, umso höher schätzen wir unsere Bedeutung für andere ein. Das heißt: je mehr man von dem eigenen Ich eingenommen wird, desto mehr geht man davon aus, dass man für andere unentbehrlich ist. Wenn man nun als Freund oder Freundin schlecht performt (was man nicht tut, aber so empfindet), also der Meinung ist, man ist nicht genügend für den Anderen da, stellen sich Schuldgefühle ein.
In der Depression dann ist kein Raum mehr für Andere. Man vergisst sie nicht. Aber die Tatsache, dass man in der eigenen Lebensführung eingeschränkt und gehemmt ist, führt dazu, dass man der festen Überzeugung ist, für den Anderen nicht mehr von Nutzen, von Wert sein zu können. Diese Schuldgefühle sind so überbordend, dass sie zu einem kompletten Rückzug führen können. Hier wäre dann die Sättigungskurve erreicht.
Macht das Sinn?
Keine Ahnung. Das sollen die Anderen entscheiden.

